Vita
Vita/Texte zur Arbeit
Zu den Klippen, hinter die Kulissen
Heimatkunde a la Schui: Wie Idyllen unhaltbar werden, Verwandlungen aber grenzenlos
Heimat ist eine Chimäre. Steigen wir hinunter in den mythologischen Bergwerksschacht der Altgriechen und erblicken also ein Fabelvieh, das sich
widernatürlich gebildet, auch den Göttern ein Ärgernis ist. Zusammengewachsen – ein Leib geworden – sind die freundliche Ziege, der grimmige Löwe, ein
rachsüchtiger Lindwurm. So ist die Heimat des Schui auch.
Die Knabenseele hat sich während langer Wanderungen durchs Umland ergetzt und gebildet, sich Wunderliches und Wahnhaftes einverleibt, gereinigt
zuletzt von den im Geburtsort erfahrenen Schlacken und Schludereien. Durch all die langen Jahre einer Künstlerkarriere – gespeist mit ordentlich Schatten,
ordentlich Licht – haben Natur und Landschaft nichts an Bedeutung eingebüßt.
Verwandlung und Deutung sind eingegangen ins Bild, das nach uralter Meister Weise aus dem Nichts leerer Leinwand heraufkommt, auf Geisteshaltung und
sorgsames Handwerk gründet. Die Ausflugsstätten beim Taunuskamm sind längst nicht mehr jene, die der Jüngling sah, deren Idyllen sich damals auf
Bierbasis und Apfelweinfundament vollends entfalteten, offenbarten.
Ja, es ist ein Kummer um das liebgewordene, uns Horizont und Grenzmarke spendende Heimatding. Überfüllt mit Nichtswürdigem ist zuweilen der immer
unbekannter werdende Raum. Der Maler spürt es eher als die Nachbarn, Alteingesessen, Bravbürgerlichen. Nun hat er in der bekannten, unnachahmlichen
Weise – zürnend, tröstend, brüllbunt – seine Heimat auf die Bühne gestellt. Es hat die Länge eines Menschendaseins gedauert. Teuer und fremd ist sie, die
Heimat des Schui. Die auch unsere ist.
„Das Verständnis von Heimat dürfte nicht zuletzt eine Charakterfrage sein.“ Ein Sätzchen, hingeschrieben von Henning Ahrens in sein „Provinzlexikon“. Die
Anregung nehmen wir gerne auf, geben eine tolldreiste Volte hinzu: Wer keinen Charakter hat, darf Heimat nicht nennen. (Oh, wie jetzt die Denker des
vernebelt-flüchtigen Seins ihre Hütchen auf den Garderobenhaken werfen und gleich das Halbliterglas ordern, einen Zwetschgenbrand obendrein).
Überdeutlich wird auf den Gemälden das Charakterlos-Degenerierte vom Einzigartig-Stiftenden geschieden. – Und glauben Sie bitte nicht, dass die Kulisse
nur Kulisse (besänftigender Hintergrund) ist.
Wesentliches, Grundierendes? Nur in Stichworten lässt sich fassen, was uns „die Höhe“ ist – jener Erdteil, in dem die Schui’sche Welt ihren Anfang nimmt.
Bändcheskrämer und Becherbrüder haben hier lange vor des Heilands (Christus) Geburt ihr Siedlungsgebiet eingenommen, es kamen nach bronzenen und
eisernen Zeiten auch die keltischen mit ihren Skelettgräbern, gerundeten Wällen. Mit den römischen Legionen endlich auch der Limes, den sie hier den
„Polgraben“ nennen. (Wer keinen Charakter hat, spricht die Mundart nicht. So eine andere Gassenweisheit hiesiger Provenienz.)
Die Schui-Heimat ist vom Limes durchschnitten – bis zum ersten Augusttag des Jahres 1972. Nicht alleine zwischen Germanen und Römern trennt die
Grenzlinie, auch die Gaue Nidda und Wedereiba durften nicht zueinander finden, ganz zu schweigen von Wehrheimer und Hoher Mark. Zuletzt markierte der
Polgraben auch die Wesens- und Sprachgrenze von diesseits und jenseits des Taunuskammes: Obertaunus & Kreis Usingen. – Was uns heute eins ist, ist
im Grunde ganz anders.
Weil im Vorder- oder Obertaunusgebiet der Geldsack, der Sonnenschein, der Frohsinn regiert, zieht es den Vogelwilden in den Altkreis hinter dem
Saalburgpass, wo sich Usa, Erlenbach und Weil durch Quarzit und Glimmerstein graben, an einsamen Wiesentälern und armseligen Dörfern
entlangplätschern. Die vielen aufgelassenen Steinbrüche sprechen eine kompromisslose Grauwackensprache, die hochstrebenden Waldungen gelten als
„landschaftsbestimmend“ (siehe Professor Eugen Ernst, den territorialen Meister). – Sägewerke gibt es hier schon seit langem nicht mehr.
Und dort, wo der schöne Ginster blüht und gedeiht, liegt das harte Eiland der „Besenschweiz“. Der Maler Schui ist hier vorbeigekommen – noch heute
erzählen die Einheimischen davon. Er sei auf dem Weg zu den Eschbacher Klippen, wolle sich ein Bild machen von den Ursprüngen des Weltalls. So habe
der Mann gesprochen, das Bündel aufgeschnürt, eine neue Roth-Händle angeflammt. – Was sich dem wissend Wissbegierigen offenbart hat, ist – schauen
wir hin! – nichts weniger als eine Heimatkunde der grenzenlosen Art.
Olaf Velte, Autor und Journalist
Heimatkunde a la Schui
Es ist die Kleinigkeit von 10 Jahren her, dass wir hier in der Galerie Artlantis die 1,70 Meter mal 1,25 Meter große „Geldsau“ erblicken durften. Eine in aller
farblichen Treffsicherheit nicht zu verkennende Zustandsbeschreibung spätkapitalistisch-westlicher Mentalität. Seitdem sind weitere Säue durch ein Land
getrieben worden, das heute – im Jahre 2022 – in den größten Schwierigkeiten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs steckt.
Dass sich der Künstler Raimund Schui – gänzlich unerwartet zwar, aber doch zwangsläufig – dem Thema „Heimat“ mit all seinem Können zugewendet hat, mag
verwundern. Die nun eröffnete Ausstellung ist „Teure Heimat – Fremde Heimat“ überschrieben, umgehend signalisierend wie unzuverlässig das ach so
Bekannte, das Naheliegende ist.
Erstaunlich auch, dass ein Maler, der durch die Trümmerlandschaften des zerbombten Alt-Frankfurt geklettert ist, diesen Begriff nochmals ins Feld der Kunst
führt, sich auf belastetes Terrain begibt.
Raimund Schui, so ist zu vermuten, will sich nach einer langen Lebensbahn als kreativer und rebellischer Geist eines vorzeiten Erfahrenen und Erlebten
wiederum versichern. Kindheit, frühe Jugend, aufgewachsen in Oberursel, einem Ort, der nie künstlerische Heimat, aber Stätte des Wohnens, des (O-Ton)
„Brötchen-Holens“ war. Mit dem Thema angebandelt hat unser Mann bereits vor einigen Jahren – das großformatige Bildnis der Eschbacher Klippen erzählt von
diesem Anfang.
Seither hat er sich einem rauschenden Arbeiten überantwortet. Die 14 in diesen Räumen präsentierten Werke zählen zum Knackigsten, was in seiner Werkstatt
entstanden ist. Sie markieren einen Sprung durch die Zeit, durch Existenz und Werk. – Dabei ist alles beim Bewährten geblieben. Stilistisch hat sich kein Deut
verändert, die Malerhand gehorcht weiterhin einer klassischen Tradition. Einer Tradition, die auf Ölfarbe samt Schichtungen gründet, dem Wissen um die
überlieferten Möglichkeiten von Pinsel und Finger.
Als Meisterschüler, ja legitimer Nachfolger des Künstlermenschen Peter Engel ist anderes auch nicht denkbar. Nicht nur der Umgang mit Farbe und Form
stammt aus jener prägenden Lernphase, auch die geradezu barocke Fülle des Dargebrachten. Raimund Schui gestaltet vorwiegend mit der rechten Hand, folgt
dabei einer unzeitgemäßen Manier. Der Blick von Außen festigt die gesellschaftskritische Haltung.
Es wird kein Zufall sein, dass sowohl Lehrer Engel als auch Schüler Schui aus Arbeiterfamilien kommen, das künstlerische Schaffen auf die Basis eines
handwerklichen Berufs gestellt haben. Gefragt nach dem zuweilen erbarmungslos anklagenden Impuls seiner Arbeiten, antwortet unser Heimat-Deuter mit
einem „Beileibe kein Moralist, vielmehr ein Erzähler“.
Ehrlichkeit, Konsequenz, Rückgrat. Und noch immer gilt der Ausspruch: „Ein Streben nach allgemeiner Anerkennung ist sowieso der größte Schwachsinn.“
Folgen wir also dem Maler in seine fremde Heimat.
Es sind keine geheimen Winkel, die uns hier locken. Vertraute Szenerien vielmehr: Feldberg, Herzberg und Fuchstanz, Eschbacher Klippen und Möttauer
Weiher, Kurpark, Burgruine, Weiße Mauer. Am bekannten Motiv kann das Auge indes nicht lange verweilen, wird hingezogen zur Vorderbühne, wo ein
befremdliches Remmidemmi herrscht. Eine, nun ja, heimatliche Welt, bevölkert aber von einem, den verschiedensten Sphären angehörenden Figurenensemble.
Irdisches, Unter-, Außer- und Überirdisches. Es ist ein dramatischer Reichtum in diesen Bildern, der langes Verweilen notwendig macht.
Haben wir die Heimat jemals so erlebt? Ach, wie nahe beieinander doch Bedrohliches und Beglückendes stehen! Raimund Schui spricht von
„Querverbindungen“, die seinen Werken stets eingeschrieben seien. Dünnen Luftseilen gleich, auf denen sich die Akrobatik des alltäglichen Lebens vollzieht.
Der Wald stirbt, die Kröte weissagt, ein Raumschiff landet, das Pizzastück vergammelt, der Knüppel hebt sich – Bedrängungen aller Art. Aber auch: ein großer
Humor, ein grimmiger, ein Dennoch.
Hölderlin sagt: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Die Rettung naht hier in Gestalt mythischer Frauen, selbstverständlich jung und blond, gut gebaut,
manchmal tätowiert, manchmal das Smartphone im Slip. Vor ihnen, den Göttinnen und Racheengeln, verstummt jedes Geschrei, verebbt jede aggressive
Aufwallung männlicher Protzerei.
Schui’s Heimat kennt jedoch auch die ruhige, geradezu sanfte Viertelstunde. Ja, wer möchte nicht mitplanschen bei der „Poolparty“ im Forellengut, sich nicht auf
dem Kolter vor der Hardertsmühle (übrigens das persönlichste Bild in dieser Ausstellung!) niederlassen, wo die Eierlikörtorte wartet und das Motto „Vorwärts in
die Vergangenheit“ gilt. Herrlich und detailreich herausgearbeitete Sujets, das Porträt der Freunde, auch das Selbstporträt nicht scheuend. – Mag die Heimat
noch so seltsam und vielgestaltig sein: das Ich ist immer mittendrin, immer mitgemeint.
Bevor wir uns dieser Heimatkunde a la Schui mit ihren unhaltbaren Idyllen und grenzenlosen Verwandlungen hingeben, soll noch einer Bitte des Künstlers
nachgegeben werden. – Im Kabinettraum dieser wunderbaren Galerie hat die Installation „Frösche verschmutzen die Umwelt“ ihren Platz gefunden. Wir
erblicken die Frösche, wir erblicken den Müll.
Olaf Velte, Autor und Journalist Ausschnitt Laudatio Galerie Artlantis 2022